von Leoni Taisui McGough

Meditation heißt für mich „Leben üben“.

Wir verbringen unser ganzes Leben damit, uns von uns selber abzulenken und vor uns und unseren Problemen davonzulaufen. Wir sind ständig in Bewegung, finden endlose Quellen der Berieselung und selbst wenn wir über uns selber und unser Leben reflektieren, tun wir das meist mit unseren Gedanken in der Vergangenheit („Ich bin so, weil mir damals das passiert ist“) oder in der Zukunft („bald werde ich mich ändern“). Aber das hilft uns alles nicht jetzt und hier.

Zen-Meditation bedeutet, einfach nur zu sitzen. Das hört sich zunächst simpel an, aber das ist es nicht. Es bedeutet nämlich, dass uns nichts bleibt als wir selbst. Wir lassen es zu, Stille zu erfahren und in dieser Stille unserer wahren Natur zu begegnen. Es ist bemerkenswert, wie häufig auch nach langer Zeit regelmäßigen Meditierens es Tage gibt, an denen man einfach nicht zur Ruhe kommt, an denen einen Gedanken wie „eigentlich müsste/sollte/könnte ich jetzt etwas anderes machen“ plagen. Oder aber der Körper wehrt sich mit Unruhe, Schmerzen, Verspannungen, einem juckenden Ohr. Es kann sehr anstrengend und ungemütlich sein, nur mit sich selbst zu sitzen.

Meditieren bedeutet, das Leben zu erfahren, es wirklich zu erleben und sich selbst als das wahrzunehmen, was man ist, ohne jegliches Extra. Und es bedeutet auch, vorurteilsfrei anzunehmen was ist, sei es ein juckendes Ohr, ein Schmerz im Rücken oder eine unstillbare Gedankenflut. Wenn wir das nicht tun, wenn wir mit dem Hadern, was ist, heißt das, dass wir unser Leben nicht annehmen. Denn genau so, also z.B. als wir mit einem juckenden Ohr, manifestiert sich unser Leben in diesem Moment. Beim Meditieren lernen wir, alles so anzunehmen, wie es ist, und es dann – weil wir es annehmen – loslassen zu können.

Mit unseren Gedanken sind wir ständig in der Vergangenheit oder der Zukunft, aber was ist überhaupt Vergangenheit, was Zukunft? Vergangenheit und Zukunft sind genau genommen nichts weiter als Gedanken im Jetzt. Wenn man sich das einmal klar macht, wird es sehr viel leichter, diesen Gedanken nicht so viel Bedeutung zuzugestehen. Wir sind JETZT, immer und nur JETZT und HIER. Diesem Zustand des Seins öffnen wir uns, wenn wir meditieren. Das ist keine Weltflucht oder eine Abkehr vom Leben, sondern das genaue Gegenteil. Es ist Leben in der reinsten und intensivsten Form.

Beim Meditieren schulen wir unsere Aufmerksamkeit, wir lernen, wieder wirklich wahrzunehmen und zu erleben, anstatt zu interpretieren. Wir versuchen in unserem Leben ständig, alles in Boxen zu packen und mit Namensschildern zu versehen, weil wir uns nur sicher fühlen, wenn wir eine generalisierte Wirklichkeit kreieren, in deren Grenzen wir alle uns sicher und standardisiert bewegen können.

Im Zustand der Meditation öffnen wir sozusagen diese Boxen und reißen die Namensschilder ab, um zur wahren Natur zurückzukehren. Wir lassen uns ein auf die Empfindungen und Sinneswahrnehmungen unseres Körpers.

Indem wir lernen, uns genau zu beobachten und uns Raum zu geben, unser wahres Selbst wahrzunehmen, können wir festgefahrene Muster und Reaktionsmechanismen besser erkennen und durchbrechen.

Viele glauben, beim Meditieren ginge es darum, das Denken zu stoppen. Das ist aber natürlich ein kaum zu erreichendes Ziel. Vielmehr versucht man, Abstand zu den eigenen Gedanken und Problemen zu finden und sich selbst sowie alles um einen herum wirklich als das wahrzunehmen, was es ist, anstatt es durch den Schleier der eigenen Vorstellungen, Konzepte, Interpretationen, Werte und Ängste zu sehen. Allein dadurch kann man viele Probleme und Selbstzweifel auflösen.

Beim Meditieren üben wir Leben, Sein in der reinsten Form, ohne jede Ablenkung. Je regelmäßiger wir uns in diesen Zustand begeben, desto häufiger können wir auch jenseits des Kissens in unserem Alltag in die echte unmittelbare Erfahrung des Jetzt eintauchen. Wir lernen mehr und mehr, wach und aufmerksam jeden Moment wirklich wahrzunehmen, anstatt unser Leben zu verträumen, und das ist eine große Bereicherung.

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